07.11.2012

„Mein Leben mit Richard Bugajer“ - ein Bericht von Prim. Dr. Hava Bugajer

Er war ein überaus erfolgreicher Arzt in Wien – und Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und Ebensee: Dr. Richard Bugajer, vielen bekannt durch das Buch „Mein Schattenleben“. Am Mittwoch, dem 7.November 2012, berichtete seine Ehefrau, Prima. Drin. Hava Bugajer, im alten Linzer Rathaus über das Leben und das Vermächtnis ihres viel zu früh verstorbenen Mannes. Die Präsidentin von WIZO Österreich gewährte den mehr als hundert Zuhörern aber auch Einblicke in die Arbeit der weltweit aktiven jüdischen Frauenorganisation WIZO, in der sie sich nach dem Tod ihres Mannes stark zu engagieren begonnen hatte.

Geboren 1928 in Kielce, wuchs Richard Bugajer in der Heimatstadt seiner Mutter, im polnischen Łódź, auf. Nach dem Überfall der Deutschen auf Polen wurde die Familie ins Ghetto der Stadt geschickt. Dort prägten sich drei Dinge ins Gedächtnis des Jugendlichen: erstens der Hunger, zweitens der Hunger und drittens die verlorenen Schuljahre. Alle Ghettobewohner mussten Zwangsarbeit leisten, Unterricht gab es keinen mehr. Die größte Sorge des jungen Richard war, was er ohne Schulabschluss machen würde, wenn der Krieg vorbei ist. Denn dass Letzteres eintreten werde, daran zweifelte er nie, so Hava Bugajer in ihrem Bericht.

Das Leben des rebellischen Teenagers im Ghetto sei stets in Gefahr gewesen: er legte sich mit den Arbeitgebern an, war auch nach der Ausgangssperre noch auf den Straßen unterwegs oder tummelte sich am Bahnhof zwischen den bedauernswerten Juden, die in die Todeslager deportiert werden sollten. Dort gab es nämlich Suppe - um die Todgeweihten in Sicherheit zu wiegen. Trotz der Arbeitspflicht für die Ghettobewohner versuchte Richard Bugajer, so wenig wie möglich zu arbeiten. Vielmehr verbrachte er jeden möglichen Augenblick mit seinen Büchern, damit er nach dem Krieg seine Schulprüfungen bestehen würde.

Im Ghetto lernte Richard auch ein Mädchen mit Zöpfen kennen. Ihr Name war Sarah. Zwischen den beiden entstand eine zarte Verbindung, die aber nicht lange währte. Das Mädchen verkümmerte im Ghetto immer mehr, schließlich wurde es nach Kulmhof deportiert und ermordet. Zeit seines Lebens hoffte Richard Bugajer, dass Sarah nicht lange leiden musste.

Doch für den Jugendlichen selbst hatte das Leid erst begonnen. Die Familie wurde 1944 nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Richards Durst nach Wissen begleitete ihn bis in das Todeslager. Selbst als seine Großmutter nach Kulmhof deportiert wurde, ließ sich Richard nicht vom Lernen abhalten. In Auschwitz wollte er die Französische Revolution studieren, aber es ging nicht mehr. Alle Bücher wurden ihm weggenommen.

In Auschwitz musste Richard Bugajer mitansehen, wie seine Mutter von der Familie getrennt wurde. Er sah sie nie mehr wieder. Die für Auschwitz typische Häftlingsnummer bekam der Teenager nicht eintätowiert. Die SS konnte sich nicht entscheiden, ob er sofort vergast werden oder ob man ihn bei der Arbeit verrecken lassen sollte. So blieb er als so genannter „Depothäftling“ mehrere Monate lang im „Zigeunerlager“.

Im darauf folgenden Winter wurden Richard und sein Vater mit zahlreichen anderen Insassen Richtung Mauthausen geschickt. Teils zu Fuß, teils mit dem Zug. Unterwegs vertraute ihm sein Vater an: „Rysiu, Mama werden wir nicht mehr sehen und nach Polen werden wir nicht zurückkehren. Wir werden nach Palästina gehen!“. Von dieser Reise blieb ihm auch die Hilfsbereitschaft tschechischer Arbeiter im Gedächtnis, die in einem Bahnhof die Sperren der SS durchbrachen und ihre Pausenbrote in die Waggons der ausgemergelten KZ-Insassen warfen.

Als der Zug Mauthausen erreichte, wurde der „Transport“ abgewiesen, denn das Lager war voll. So fuhr der Zug weiter nach Ebensee. Bei der Ankunft im Februar 1945 war der Vater schwer krank und völlig erschöpft. Er wurde geschlagen und litt großen Durst, denn es gab kein Wasser für die Häftlinge. Der 16jährige Richard machte sich große Vorwürfe, weil er zugelassen hatte, dass sein Vater alleine auf einen Lastwagen geladen wurde. Als er den Vater wieder sah, war dieser von den Wärtern fast erschlagen worden.

Als Richard Bugajer seinen am Boden liegenden Vater noch einmal anhob, damit er etwas sehen konnte, sagte dieser seine letzten Worte: „Die Welt ist schön, Rysiu. Ich muss jetzt sterben, der Krieg ist bald aus und du wirst überleben. Die Nazis haben den Krieg verloren. Du sollst mich…“. Dann starb der Vater in den Armen seines 16jährigen Sohnes. Richard trug ihn ins Krematorium und blieb trotz eines strikten Verbotes dort stehen, bis der Vater verbrannt war.

Ebensee war für Richard Bugajer die schlimmste Hölle. Es war kalt und es gab kein Essen. Ebensee, so Bugajer, war schlimmer als Auschwitz. In den Stollen versucht er sich zu verstecken, um der schweren Arbeit zu entgehen, aber es ging nicht. Das Sterben kam in Ebensee ohne fremde Hilfe, es ging dem Ende zu, auch Richards Ende. Und doch überstand er die letzten beiden Monate bis zur Befreiung am 6. Mai 1945. Diesen Tag feierte Richard Bugajer später immer als seinen Geburtstag.

Richard Bugajer: "Mein Schattenleben"

Der schwerkranke Jugendliche, der abgemagert war und an Tuberkulose litt, machte sich sofort wieder ans Lernen. Noch am Krankenbett verlangte er nach einem Lehrer. So holte er die Matura nach und begann 1946/1947 mit einem Chemiestudium in Wien. Doch seine tuberkulöse Lunge, die ständig punktiert werden musste, kam mit den Labordämpfen nicht zurecht. Auch ein begonnenes Gesangsstudium musste er deswegen abbrechen. So begann Richard Bugajer ein Medizinstudium, und das mit Erfolg. Bereits 1953 promovierte er im Alter von 24 Jahren zum Doktor der Medizin.

1971 lernt Richard Bugajer seine Ehefrau Hava kennen. Die gebürtige Israelin studierte Medizin in Basel und begegnete Richard bei einem Kurzurlaub in Wien. Nur wenige Monate später heírateten die beiden. Trotz des beruflichen Erfolges war die Vergangenheit für Richard Bugajer immer präsent, er konnte sich nie davon trennen. Immer wieder tauchten Assoziationen mit Erlebnissen aus dem Ghetto und den KZ auf, selbst im Urlaub oder bei religiösen Anlässen.

Das wichtigste für Richard Bugajer war daher auch der Triumph über die Nazis. Für die Juden ging das Leben weiter, sie hatten sich ihren eigenen Staat erkämpft, während die Nazis tot im Dreck lagen. Israel war auch das Wunschland des Vaters gewesen. Hätte es dieses in den 1930er Jahren schon gegeben, dann wäre das Schicksal des jüdischen Volkes anders verlaufen.

1998 starb Richard Bugajer. Für seine Witwe Hava und ihren gemeinsamen Sohn war es nun das Wichtigste, das Buch fertigzustellen, an dem Richard in seinen letzten Jahren immer gearbeitet hatte. Er wollte seine Erlebnisse für seinen Sohn festhalten.

Prima. Drin. Hava Bugajer unternahm in den Jahren nach dem Tod ihres Mannes viele Vortragsreisen durch den deutschsprachigen Raum, Kanada und die USA, um über das Leben Richard Bugajers zu berichten. Bald begann sie auch, sich für die jüdische Frauenorganisation WIZO zu engagieren.

2004 übernahm Hava Bugajer den Vorsitz von WIZO Österreich. Sie begann damit, die zionistische Frauenorganisation vor allem für moderne, selbstständige Frauen interessant zu machen. Ihr Anliegen ist, nicht zuerst das Fundraising in den Vordergrund zu stellen, sondern möglichst viele junge, gut gebildete Frauen anzusprechen und für WIZO und deren Anliegen dauerhaft zu gewinnen. Jedes Jahr fährt sie zur UNO nach New York, um dort den Beratungen der „UN Commission on the Status of Women“ beizuwohnen.

Prima. Drin. Hava Bugajer leitet das Amulatorium Helia, ein Institut für physikalische Medizin am Fleischmarkt, das ihr Mann aufgebaut hat. Sie engagiert sich außerdem im Bereich Jewish Medical Ethics, initiiert Kongresse und Veranstaltungen zum Thema Gendermedizin, ist bei „Scholars for Peace in the Middle East“ aktiv und ebenso bei „Stop the bomb“, wo sie sogar OMV-Aktien kaufte, um bei der Generalversammlung ein Rederecht zu erhalten.

 

WIZO International

WIZO steht für "Women’s International Zionist Organisation" und ist die größte Frauenorganisation weltweit. Die karitative jüdische Frauenvereinigung wurde im Jahr 1920 in England gegründet, um Frauen und Mädchen auf ein Leben im damals britisch beherrschten Palästina vorzubereiten und einen Beitrag zum Aufbau eines jüdischen Staates zu leisten. Heute hat WIZO weltweit 250.000 Mitglieder und ist in 800 Verbänden in insgesamt 53 Ländern aktiv.

WIZO Österreich wurde bereits 1921 in Karlsbad gegründet und hatte sieben Jahre später bereits 3.000 Mitglieder in mehreren Landesgruppen. Mit dem "Anschluss" Österreichs ans "Deutsche Reich" wurde WIZO wie alle jüdischen Organisationen verboten und das Vermögen beschlagnahmt.

Ab 1946 wurde WIZO Österreich neu gegründet, heute zählt die Organisation hierzulande wieder etwa 600 Mitglieder.